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Presseberichte …

Andy Egli in der Presse

Illustration: Bernd Schifferdecker

SCHWEIZER ILLUSTRIERTE SPORT Nr. 3 vom 3. September 2012

Fussball Kolumne von Mario Widmer

(Originalartikel als PDF)

MARIO WIDMER schrieb als Sportchef und Chefreporter 34 Jahre lang für «Blick» und «SonntagsBlick», prägte und kommentierte die Fussballszene wie kein anderer Schweizer Journalist. Seit 1997 ist er persönlicher Manager von Martina Hingis und Lebenspartner von Melanie Molitor. Für SPORT gibt er als Kolumnist ein Comeback.

Egli und das verschenkte Wissen

AIs der Frust über die miserable Leistung unseres hochtalentierten Fussballteams bei Olympia sich an der unsäglichen Naivität und Dummheit des Michel Morganella entlud, der geglaubt hatte, in einem sozialen Netzwerk so unbedarft blöd zwitschern zu dürfen wie unter ein bisschen Dampf und zwischen Kollegen an der Bar nach dem sechsten Bier, rief ich den 77-fachen Schweizer Internationalen Andy Egli an, den langjährigen Captain unserer Nationalmannschaft. «Andy, was machst du im Moment?

Nun ist es von Vorteil, wenn man sich einer Tatsache bewusst ist und sie ohne Komplexe und Neid einfach nur akzeptiert. Es gibt in der Schweiz vielleicht eine Handvoll Menschen, die in der Lage sind, auf Augenhöhe mit Andy Egli über Fussball zu sprechen.

Andy ist um die 54, x-facher Schweizer Meister und Cupsieger. Über seine Karriere in der Nationalmannschaft ist mit der Anzahl seiner Einsätze schon viel gesagt. Andy hat auch in der Bundesliga gespielt, unter den besten Trainern gearbeitet, die je in unserem Fussball engagiert waren. Erwähnen wir einen Helmuth Johannsen und vor allem Hennes Weisweiler, den Grössten der Grossen. Und nach seiner Karriere hat Andy weiterhin den Fussball studiert, ist unter anderem FIFA-Instruktor geworden, hat die UEFA-Pro-Lizenz. Er hat gescheite Augen, den klaren Blick behalten. Und da ist vor allem etwas, er hat nie den Kontakt zur Jugend und zur sich ständig ändernden Zeit verloren. Zusammen mit seiner ebenfalls sehr lebenstüchtigen Frau Silvana hat er vier wunderbare Kinder durch die Stürme eines halben Fussballerlebens grossgezogen.

In der Praxis hat Andy Egli sich schon durch beinahe jede Arbeit geboxt, die es im Fussball gibt. In der Schweiz, in Deutschland und zum Beispiel in Korea. Er hat Konzepte geschrieben, als unterhaltsamer, kompetenter TV-Experte über viele Probleme im Fussball gesprochen. Er besitzt eine kleine Beratungsfirma, hilft seiner Frau in einem Bed & Breakfast in Bern.

Andys Antwort auf die obige Frage: «Ich bin auf der Fahrt zu einem Jassabend mit Kollegen.»

Nun: Während unser Olympiateam von einer Peinlichkeit in die andere stolperte, unsere Nationalmannschaft versucht, die Nicht-Qualifikation für die letzte EM zu verarbeiten, die ersten Trainer der laufenden Meisterschaft bereits wieder Flugstunden nehmen, die Mehrheit der Klubs ums pure Überleben kämpft, hat der Mann, der mehr vom Fussball versteht als 999,99 Promille aller anderen Menschen in unserem Land, Zeit für einen netten Jassabend mit Kollegen auf der verkehrsarmen Seite des Walensees!

Na, guten Abend! Es ist der grösste Luxus im Schweizer Fussball, wenn ein solcher Schatz an Wissen, Erfahrung über Fussball und seine Entwicklung einfach brachliegt, nicht genutzt wird. Es ist exakt jener Luxus, den sich unser Fussbal1 ganz einfach nicht leisten kann, darf.

Natürlich gibt es Gründe dafür, dass ein Andy Egli nicht schon längst einer der besten, erfolgreichsten Trainer der Welt ist, den man mit Millionen ködert. Wahrscheinlich ist es in der Realität so, dass Andy zu viel über Fussball, die Menschen weiss, Fussball und die Menschen zu gern hat, als dass er diesen Sport auf das brutal einfachste Rezept reduzieren kann, das den Erfolg im Fussball nun einmal ausmacht: Sieg im nächsten Spiel. Vielleicht aber sind es die vier Kinder, die Familie, die Andy bis jetzt an einer internationalen Karriere hinderten. Weil er dieser Verpflichtung nicht aus dem Weg gehen mochte.

Gewiss ist es nicht die Hauptaufgabe eines Peter Gillieron, Karrierefunktionär und Präsident des Schweizer Fussballverbandes, noch die eines Heinrich Schifferle, Präsident der Super League, auf Augenhöhe mit einem Andy Egli über Fussball sprechen zu können. Genauso wenig, wie es notwendig ist, dass die vielen und auswechselbaren Präsidenten der Vereine den Fussball so im System haben wie ein Andy Egli.

Auf der anderen Seite zeigt der Fall von Andy Egli auf, wo es wirklich krankt in unserm Fussball: Die vorhandene Substanz wird nicht genutzt, Schein ist wichtiger als Sein, was wiederum sehr typisch ist für den Schweizer Sport, in dem unbequeme Menschen es noch nie einfach hatten.

Tatsächlich rief ich nach dem Fall Morganella nicht nur Andy Egli an, sondern auch einen sehr eng beim amerikanischen Olympiateam tätigen Bekannten. Ihn fragte ich: «Beim Schweizer Olympiateam erklärte man nach dem Eklat, mit den Athleten extra noch über die Gefahren in den sozialen Netzwerken gesprochen zu haben. Reicht das?»

«Der Fall Egli zeigt, wo es wirklich krankt: In unserem Fussball wird vorhandene Substanz nicht genutzt. Schein ist wichtiger als Sein.»

Selbstverständlich nicht! Bei den Amerikanern wurde vor London 2012 mit allen Athleten hart an der Ausbildung im Zeitalter von Twitter und Facebook gearbeitet. In speziellen Workshops, mit praktischen Beispielen. Zur Qualifikation für London gehörte bei jeder Sportlerin der USA eine Art Brevet für das Benehmen in sozialen Netzwerken.

Habe ich in Sachen Morganella etwa die an den ziemlich grossspurigen Schweizer Sportbehörden geäusserte Kritik überlesen, es sei im Vorfeld Olympia zu wenig mit den Aktiven in dieser Sache gearbeitet worden?

Ich glaube nicht. Es ist eben einfacher, viel einfacher, über einen dummen und Geld verdienenden jungen Fussballer herzufallen, der einen nicht zu entschuldigenden Fehler gemacht hat, als sich mit schmerzhafter Kritik an Karrierefunktionären Feinde zu schaffen, die einem schaden können.

Andy Egli war in seiner Karriere, in seinem Leben vielleicht oft zu direkt, zu wenig diplomatisch, und nicht billig genug, um heute nur Freunde haben zu können. Darum ist er so wenig am Schweizer Fernsehen als Experte zu sehen. Und ob ich ihm mit diesem eigentlichen Werbespot wirklich helfe, ist beim existierenden Nichtangriffspakt aller Beteiligten ernsthaft zu bezweifeln.

Aber wer weiss? Bundesrat Ueli Maurer hat doch kürzlich erklärt, dass man über mehr Hilfe für den Schweizer Profisport ernsthaft nachdenken müsse. Also, lieber Herr Bundesrat! Helfen Sie bitte mit, dass Andy Egli im Schweizer Fussballverband eine gut bezahlte Stelle als Verantwortlicher aller Nationalmannschaften erhält. Ich weiss, Andy ist seit vielen, vielen Jahren eher ein Grüner denn klassisches SVP-Mitglied. Schliesslich reiste er ständig mit den SBB und fuhr sogar mit dem Velo zum Training.

Aber ich bin mir zu hundert Prozent sicher, mit Andy Egli in Verantwortung im Schweizer Fussball wird es einen Fall Morganella niemals mehr geben. Weil Andy den Fussball und die jungen Fussballer zu gut kennt, um sie einfach ein paar theoretischen Ratschlägen zu überlassen, wenn sie sich im gefährlichen Treibsand der sozialen Netzwerke tummeln wollen.

Unser ganzer Fussball käme mit Andy Egli einen Schritt näher zur Praxis, näher zum Erfolg. Es wäre Millionen wert, Herr Bundesrat.

Hier können Sie den Originalartikel als PDF herunterladen.

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